Bundesminister Cem Özdemir zu Besuch im Tierheim Stuttgart
von Redaktion LTschV-BW

Bundesminister Cem Özdemir zu Besuch im Tierheim Stuttgart

Anlässlich eines Tierheimbesuchs in der Landeshauptstadt Stuttgart macht sich Bundesminister Özdemir ein persönliches Bild über die kritische Lage der Tierheime

Das Ergebnis einer aktuellen Umfrage bei Tierheimen in Baden-Württemberg bestätigt:
89 % sehen einer Verschlechterung ihrer Lage entgegen, 36 % haben große Zukunftsängste und 11 % der Vereine befürchten sogar die nächsten 5 Jahre nicht zu überstehen.
Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbands erklärt: „Am bisherigen „System Tierheim“ muss sich grundlegend etwas ändern. Es kann nicht länger hingenommen werden, dass die kommunale Aufgabe der Fundtierversorgung und -verwahrung durch Spendengelder der Tierschutzvereine kofinanziert werden muss.“

Am Samstag, 19.11.22 besuchte Bundesminister Cem Özdemir in Begleitung des Präsidenten des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder und einer Delegation des Landestierschutzverbandes das Tierheim der Landeshauptstadt. Bei einem Tierheimrundgang erläuterten die Tierschützer die derzeit prekäre Lage vieler Tierheime.

Um eine Einschätzung der derzeitigen Lage der Tierheime vornehmen zu können, hatte der Landestierschutzverband am 27. Oktober bereits eine Blitz-Umfrage bei seinen Mitgliedsvereinen gestartet.

(Die komplette Auswertung der aktuellen Umfrage ist unter "Tierheime am Limit - Umfrage Baden-Württemberg" abrufbar)

Von 115 angefragten Tierschutzvereinen kamen 55 Rückmeldungen. Somit nahmen knapp die Hälfte an der Umfrage teil. Das damit repräsentative Ergebnis ist alarmierend:

Von den Tierschutzvereinen, die sich an der Umfrage beteiligt hatten, betreiben 84 % ein Tierheim oder eine vergleichbare Einrichtung. 78 % sind Betriebe mit festangestellten Mitarbeiter/innen. Im Schnitt nimmt jede dieser Einrichtungen pro Jahr über 400 Tiere auf, wie anscheinend besitzerlos aufgefundene oder von Tierhaltern direkt dort abgegebene Heimtiere, aber auch Wildtiere oder exotische Arten.
Einen finanziellen Ausgleich oder kommunale Erstattungen gibt es i.R. ausschließlich für die Pflege und Versorgung von gefundenen Tieren, da Gemeinden gemäß Fundrecht nicht nur Fundgegenstände wie Regenschirme, Geldbeutel oder Fahrräder sechs Monate aufbewahren müssen, sondern ebenso für Fundtiere zuständig sind. In der Regel treffen die Gemeinden dazu eine vertragliche Vereinbarung mit den örtlichen, vereinsgeführten Tierheimen und übertragen ihnen gegen Bezahlung die kommunale Aufgabe der Versorgung und Pflege dieser tierischen Findlinge.

Wie sich in der Umfrage jetzt überdeutlich zeigte, wird der überwiegende Teil der befragten Tierheime für die Betreuung dieser Fundtiere nicht angemessen bezahlt:
Nur 2 der 55 teilnehmenden Vereine erhalten nach eigenen Angaben eine vollständige Erstattung der anfallenden Kosten für die Fundtierversorgung.
Über 96% der Tierschutzvereine müssen für die Übernahme dieser öffentlichen Aufgabe, zu der die Kommunen gesetzlich verpflichtet sind, noch Geld aus der Vereinskasse zuschießen. 49% der Vereine erhalten nach eigenen Berechnungen weniger als die Hälfte der tatsächlich anfallenden Kosten für die Aufnahme und Versorgung von Fundtieren erstattet und 18 % der Tierschutzvereine bekommen keinerlei Vergütung hierfür. Alle diese Tierschutzvereine müssen nicht nur für die Ausgaben ihrer eigenen satzungsgemäßen Ziele und Aufgaben im Tierschutz aufkommen, viele zahlen zusätzlich noch einen nicht unerheblichen Anteil der gesetzliche Pflichtaufgabe der Kommunen aus ihren Vereinsmitteln.

Für den Vorsitzenden des Landestierschutzverbands Stefan Hitzler ist das inakzeptabel: „Wenn Kommunen ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Unterbringung von Fundtieren bei Tierheimen in Auftrag geben, müssen sie gewährleisten, dass die anfallenden Kosten vollumfänglich ersetzt und nicht aus Vereinsmitteln bezuschusst werden. Spender geben ihr Geld für den Tierschutz und nicht, um Kommunen für die Einhaltung ihrer gesetzlichen Verpflichtungen zu subventionieren.“

Die Fundtierversorgung ist nur ein Teilbereich der Leistungen, die Tierheime für unsere Gesellschaft erbringen. Für alle anderen Tierheimtiere, die im Tierheim eine vorübergehende Bleibe finden, muss der Tierschutzverein selbst aufkommen. Die Finanzierung der Tierschutzvereine setzt sich– neben der o.g. kommunalen Fundtierkostenerstattung - hauptsächlich zusammen aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen, evtl. Erbschaften und der Tiervermittlung. Weitere Einnahmen kommen aus eigenen Veranstaltungen, der Tierpension aber auch durch die Verwahrung von beschlagnahmten Tieren.
Demgegenüber stehen die regelmäßig anfallenden Ausgaben im laufenden Tierheimbetrieb, denn die tierischen Gäste müssen 365 Tage im Jahr versorgt und betreut werden. Hier entstehen tagtäglich Kosten u.a. für tierärztliche Behandlungen, Strom und Heizung, Personal, Futter und den Unterhalt der Betriebseinrichtungen.
Diesen dauerhaften finanziellen Belastungen, die Tierschutzvereine zum überwiegenden Anteil eigenständig „einwerben“ müssen, ist die Mehrheit hierzulande inzwischen nicht mehr gewachsen. Durch die Pandemieauswirkungen und die aktuell stark angestiegenen Energie- und Verbraucherpreise wurden Rücklagen inzwischen drastisch aufgezehrt.

Die Umfrageergebnisse sprechen für sich: Von den befragten Tierschutzvereinen sehen sich nur 11 % derzeit noch als stabil aufgestellt an. Die restlichen 89 % blicken einer Verschlechterung entgegen, 36 % haben aktuell große Zukunftsängste und 11 % der Vereine befürchten sogar die nächsten fünf Jahre nicht zu überstehen. Erste Vereine mussten bereits Kredite aufnehmen, um den Lohn ihrer Mitarbeiter/innen zahlen zu können.

Stefan Hitzler fasst die derzeitig prekäre Lage der Tierheime so zusammen: „Das Staatsziel Tierschutz ist im vereinsbasierten Tierschutzwesen vor Ort in einer existenziellen Krise. Wird dieser Bereich nicht zeitnah und nachhaltig durch die öffentliche Hand unterstützt und finanziell mitgetragen, steht der vereinsbasierte Tierschutz nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in Deutschland insgesamt vor dem Aus.“

Hintergrund:
Mit Beginn der Coronapandemie änderte sich auch die Situation der Tierheime dramatisch. Zunächst blieben die Besucher weg und zusätzliche Einnahmen über Tierheimfeste, Flohmärkte und Infostände fielen aus. Damit gingen bei vielen Tierschutzvereine auch die Spenden deutlich zurück, die Haupteinnahmequelle der der meisten Tierheime. Nach Abklingen der Pandemierestriktionen kommen jetzt vermehrt die während dieser Sperrzeit aus Langeweile oder Selbstüberschätzung angeschafften Haustiere in den Tierheimen an. Vor allem falsch oder nicht erzogene und damit nur schwer vermittelbare Hunde bringen die Tierheime an ihre Grenzen.
Damit nicht genug, werden durch die steigenden Lebenshaltungs- und Energiekosten deutlich mehr Tiere abgegeben wie in den Vorjahren. Davon abgesehen belasten die Mehrkosten für Futter, Strom und Heizung natürlich auch die Tierheime immens. Hinzu kommt die deutliche Erhöhung des Lohngefüges und der Gebühren für tierärztliche Leistungen.
Zudem sind die Rücklagen der meisten Tierschutzvereine inzwischen aufgebraucht, viele stehen deswegen jetzt schon finanziell mit dem Rücken zur Wand.

 

Von links nach rechts:

Martin Spirgatis (2. Vorsitzender Landestierschutzverband BW), Marion Wünn (Tierheimleiterin), Bundesminister Cem Özdemir, Angelika Schmidt-Straube (Vorsitzende Tierschutzverein Stuttgart), Stefan Graf (Schatzmeister LTSchV BW) Thomas Schröder (Präsident Deutscher Tierschutzbund) Herbert Lawo (Ehrenvorsitzender LTSchV BW)

 

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