Tierheime in BW stehen vor dem Kollaps
von Redaktion LTschV-BW

Tierheime in BW stehen vor dem Kollaps

Tierheime am Limit - ein explosives Thema der außerordentlichen Jahreshauptversammlung des Landestierschutzverbandes Baden-Württemberg e.V.

Am Samstag, den 9. Oktober fand in Reutlingen die außerordentliche Mitgliederversammlung des größten baden-württembergischen Dachverbands für Tierschutzvereine statt. Neben notwendigen Satzungsänderungen machten die anwesenden Vereinsvorstände überdeutlich, dass die vereinsgeführten Tierheime im Land kurz vor dem Aus stehen. In Anbetracht der derzeitigen Lage können sie die Kosten für den laufenden Betrieb nicht mehr länger tragen. Erste Vereine mussten bereits Kredite aufnehmen um die laufenden Ausgaben zu decken.

Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbands: „Die Tierschutzarbeit im Land steht auf der Kippe - Tierheime dürfen nicht mehr länger auf sich gestellt bleiben.“

Am vergangenen Samstag fand in Reutlingen eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Landestierschutzverbandes Baden-Württemberg statt. Als Dachverband von aktuell 125 Tierschutzvereinen mit 74 Tierheimen und Tierauffangstationen, vertritt er den Löwenanteil der hierzulande aktiven Tierheime und tierheimähnlichen Einrichtungen.

Einberufen wurden die Mitgliedsvereine aufgrund geplanter Satzungsänderungen. Ein wichtiges Anliegen des Landesverbands ist dabei die Stärkung der Jugendarbeit im Tierschutz. So soll die Vorstandschaft durch eine/n stimmberechtigte/n Jugendvertreter/in ergänzt werden, der/die eigenständig von den Jugendlichen der Tierschutzjugendgruppen gewählt wird.

Diese/r neue Jugendvertreter/in wird zukünftig idealerweise direkt aus den Reihen der Jugendlichen kommen und deren eigene Ideen und Vorstellungen in die schon bestehende Landesverbandsstruktur aktiv einbringen.

„Unser Wunsch ist so die Tierschutzjugendarbeit deutlich zu stärken, gleichzeitig „frischen Wind“ in unsere Verbandsarbeit zu bringen und vor allem den Anliegen der jungen Tierschützer/innen mehr Gewicht zu geben. Eines ist uns allen klar: Ohne die Tierschutzjugend und damit interessierte und engagierte Nachfolge, hat die Tierschutzarbeit keine Zukunft.“ so Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbands. Wertvolle Rückendeckung erhält er dabei von Giesela Mayer, der aktuellen Jugendbeauftragten des Verbands. Sie kann selbst auf langjährige Erfahrung in der Jugendgruppenarbeit zurückblicken und wird diese wichtige Weichenumstellung mit Ihrer Kompetenz begleiten.

Alle eingebrachten Satzungsänderungen wurden einstimmig von den Mitgliedsvereinen befürwortet und bestätigt.

Ein weiteres für die Tierschützer hochaktuelles Thema wurde am Nachmittag ausführlich behandelt. Die Einführung bzw. Umsetzung einer regionalen Katzenschutzverordnung in den Städten und Gemeinden der Mitgliedsvereine. Um dem leider auch in Baden-Württemberg weitverbreiteten Leid von frei lebenden Hauskatzen begegnen zu können, fordern die Tierschutzvereine schon seit Jahren landesweit eine Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für Hauskatzen, die ins Freie dürfen. Unter anderem erläuterte der zweite Vorsitzende des Landesverbands und Vorsitzende des Tierschutzvereins Lahr, Martin Spirgatis, anhand der von ihm maßgeblich initiierten und ab August in Kraft getretenen Katzenschutzverordnung in Lahr, seine Vorgehensweise. In ähnlicher Weise wurden inzwischen auf kommunaler Ebene in 39 Gemeinden im BW so genannte „Katzenschutzverordnungen“ umgesetzt.

Des Weiteren nutzten die anwesenden Delegierten der Tierschutzvereine die Chance, eindringlich auf die derzeitig kritische Situation der Tierheime überall im Land hinzuweisen. Bereits durch die Pandemiezeit erlitten die Tierheime und Tierschutzvereine erhebliche finanzielle Einbußen, da u.a. keine eigenen Veranstaltungen mehr durchgeführt werden konnten, wodurch wichtige Einnahmen wegfielen und auch Spendengelder größtenteils massiv ausblieben.

Inzwischen sind Rücklagen der meisten Tierschutzvereine so gut wie aufgezehrt. Gleichzeitig steigen die Betriebskosten in bisher ungekanntem Ausmaß. Durch die erneute Erhöhung des Mindestlohns steigen Personalkosten zukünftig in manchen Einrichtungen um bis zu 20 Prozent. Auch die Erhöhung der Tierarztgebühren ab November 2022 treffen die Tierheime tief in die lichten Vereinskassen. Dazu werden die steigenden Strom- und Heizkosten den Tierheimen schmerzlich zu schaffen machen. Die meisten Einrichtungen sind Altbauten und somit schlecht isoliert. Bereits in der Vergangenheit fehlte das Geld für energetische Sanierungen oder Neubauten. Schon jetzt verbuchen Tierheime vierfach höhere Energiekosten. Besonders tragisch ist die in der Versammlung geäußerte Aussage eines betroffenen Vereinsvorstands, dass erste Tierheime sich aufgrund der hochkritischen Finanzlage gezwungen sehen Kredite aufzunehmen.

Hitzler fasst die derzeitige Lage so zusammen: „Viele unserer Tierheime stehen inzwischen kurz vor dem Aus. Es ist überdeutlich zu erkennen, dass das bisherige System „Ihr schafft das schon“ nicht mehr weiter funktioniert. Tierheime erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Es ist nicht mehr länger machbar und zeitgemäß, dass Tierheime und Tierschutzvereine die Finanzierungsgrundlagen für ihre Arbeit überwiegend selbst über Spenden einwerben müssen. Das System Tierheim muss auf eine vollkommen neue und gesicherte Finanzbasis gestellt werden. Um den Betrieb der Tierheime hierzulande aufrechterhalten zu können, müssen neue Grundlagen geschaffen werden und wir sehen hier ganz deutlich die Politik mit in der Verantwortung.“

 

Hintergrund

Noch nie wurden hierzulande so viele Haustiere gehalten wie derzeit. Wie befürchtet, hat vor allem während der Coronazeit die Anzahl an privat gehaltenen Heimtieren stark zugenommen. Infolgedessen erleben Tierheime aktuell eine nie dagewesene Abgabewelle. Viele Tierheime sind bereits überfüllt und können keine weiteren Tiere mehr aufnehmen. Hinzu kommt, dass gerade die Anzahl der verhaltensauffälligen Abgabe- oder Fundhunde erheblich ansteigt. Der damit verbundene erhöhte Arbeitsaufwand für die Hundeerziehung bzw. das externe Hundetraining erfordert nicht nur zusätzlich qualifiziertes Personal, sondern verlängert auch die Aufenthaltszeit der Hunde im Tierheim erheblich bzw. gestaltet deren Vermittlung sehr viel schwieriger.

Das bisherige Modell, dass Kommunen nur für die kurzzeitige Unterbringung für Fundtiere aufkommen müssen, ist nicht mehr ausreichend oder zeitgemäß. Der weitaus größte Anteil der Tiere in Tierheimen sind inzwischen Abgabetiere von Privatpersonen, die teilweise aufgrund ihrer mitgebrachten „Vorbelastungen“ sehr lange im Tierheim verbleiben. Vereinsgeführte und durch Spenden finanzierte Tierheime sind nicht mehr in der Lage diese Leistungen ohne gesicherte finanzielle Absicherung dauerhaft aufrecht zu erhalten.

Tierschutz und damit der Schutz der Tiere ist ein im Grundgesetz verankertes Staatsziel. Tierschutzvereine und Tierheime können diese gesellschaftlich wichtige Aufgabe, deren Umsetzung und Wahrnehmung von unseren Mitbürgern auch eingefordert wird, nicht mehr alleine bewältigen.

 

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